Defekter Aufzug setzt Bewohner im Hochhaus Osterkoppel fest
| von Thomsen / Foerde.news
Flensburg – Im Hochhaus an der Osterkoppel steht seit Wochen der Alltag vieler Mieter auf der Kippe – im wahrsten Sinne des Wortes. Der einzige Aufzug des siebengeschossigen Gebäudes fällt immer wieder aus, bleibt zwischen den Stockwerken stehen oder fährt nur einzelne Etagen an. Für mobilitätseingeschränkte Bewohner und Familien mit Kindern bedeutet das: Sie kommen kaum noch aus ihren Wohnungen.

Die Mieter aus der 7. Etage kommen meistens nicht bis zu Ihrer Wohnungstür
Herr Müller wohnt mit seiner Familie in der siebten Etage. „Richtig funktionieren tut der Aufzug schon länger nicht, aber akut ist es seit dem 17. November – seitdem geht eigentlich gar nichts mehr“, berichtet der 30-Jährige. Mal fahre der Lift nur ein Stockwerk, mal drei – und oft bleibe er einfach stecken.
Mehrfach sei er bereits eingeschlossen gewesen: „Acht- oder neunmal saßen wir schon drin, nachdem die Hausverwaltung gesagt hatte, der Aufzug sei repariert und wir könnten ihn wieder benutzen. Dann sind wir gefahren – und wieder stecken geblieben.“
Notruf reagiert spät – Feuerwehr befreit Eingeschlossene

Besonders problematisch: Auch das Notrufsystem im Aufzug funktioniert nach Angaben der Mieter nicht zuverlässig. „Der Notrufknopf funktioniert nicht immer“, so Müller. „Zuletzt haben welche von uns eine Dreiviertelstunde gewartet, bis sich jemand gemeldet hat.“ Die Telefonnummer, die im Fahrstuhl aushängt, helfe ebenfalls kaum weiter – dort werde man lediglich auf die Notruftaste verwiesen.
Wenn weder Hausverwaltung noch Aufzugsfirma reagieren, bleibt den Bewohnern nach eigenen Angaben nur der Weg über den Notruf 112. „Dann kommt die Berufsfeuerwehr und macht den Fahrstuhl auf“, sagt Müller. Die Einsatzkräfte müssten den Lift im Technikraum von Hand verfahren, bis eine Etage erreichbar sei. Anschließend werde der Aufzug gesperrt – meist lediglich mit einem Zettel „Defekt“ an der Tür.
„50/50-Chance, dass man ankommt“
Der Aufzug bleibt laut Mietern häufig zwischen den Etagen stehen. „Manchmal hat man nur 30 Zentimeter bis zur nächsten Etage, aber die Türen öffnen trotzdem nicht, sie blockieren“, schildert Müller. Dann helfe nur das wiederholte Drücken anderer Etagenknöpfe – mit ungewissem Ausgang: „Es ist eine 50/50-Chance. Man kann Glück haben, man kann Pech haben.“
Aktuell funktioniere vor allem die fünfte Etage halbwegs zuverlässig. „In der Regel kommt man da an – aber auch mit Problemen“, sagt Müller. Wer, wie er, im siebten Stock wohnt, muss anschließend zwei Etagen zu Fuß gehen.
Ältere und Kranke seit Wochen praktisch eingesperrt

Laut Mieter steht der Zaun vorm Haus bereits seit rund fünf Jahren
Besonders dramatisch ist die Lage für gesundheitlich eingeschränkte Bewohner. „Ich weiß von mindestens vier Nachbarn, die das Haus überhaupt nicht mehr verlassen können, weil sie auf den Fahrstuhl angewiesen sind“, sagt Müller. Treppen seien für sie aus körperlichen Gründen nicht zu bewältigen. „Die sitzen seit Wochen in ihrer Wohnung fest, weil sie nicht rauskommen.“
In der dritten Etage, direkt unter der Familie Müller, wohne eine Frau, die nach seinen Angaben „massive Probleme mit den Treppen“ habe. „Sie kommt gar nicht mehr raus“, berichtet er. In der vierten Etage lebt eine Mutter mit Kinderwagen – auch sie ist auf den Aufzug angewiesen, wenn sie nicht bei jedem Gang nach draußen den Wagen tragen lassen will.
Auch an die Tiere wird gedacht: Viele Bewohner halten Hunde, häufig kleinere Rassen. „Treppen sind nicht gesund für Hundegelenke“, sagt Müller. „Die müssen immer hoch- und runtergetragen werden.“
Kinder entwickeln Angst vor dem Aufzug
Nicht nur Erwachsene leiden unter der Unsicherheit, auch Kinder sind betroffen. Müllers achtjährige Tochter weigert sich inzwischen, den Aufzug zu benutzen. „Sie ist einmal stecken geblieben und hat seitdem Angst entwickelt“, erzählt der Vater. „Seitdem fährt sie keinen Fahrstuhl mehr – weder hier noch anderswo.“
Ähnliche Erfahrungen schildert Nachbarin Olivia Holz aus der vierten Etage, die seit über zehn Jahren im Haus wohnt. Ihre Tochter blieb ebenfalls im Aufzug stecken – mit langfristigen Folgen: „Sie hatte ein richtiges Trauma davon“, sagt Holz. „Ein Jahr lang wollte sie in keinen Aufzug mehr einsteigen, nirgendwo.“ Ein geplanter Urlaub in einer Ferienwohnung im 17. Stockwerk habe sogar abgesagt werden müssen, weil das Kind sich geweigert habe, dort Fahrstuhl zu fahren.
Inzwischen hört Holz solche Geschichten häufiger: „Vor kurzem habe ich mitbekommen, dass zwei oder drei Kinder aus dem Haus nicht mehr alleine Aufzug fahren wollen. Manche steigen nur noch mit Erwachsenen ein, andere gar nicht mehr.“
Einkaufen nur noch in kleinen Portionen
Für viele Bewohner bedeutet der unzuverlässige Lift auch eine komplette Umstellung im Alltag. Die Familie Müller etwa geht kaum noch Großeinkäufe tätigen. „Wir kaufen fast nur noch von Tag zu Tag ein, was wir brauchen“, sagt Müller. „Die schweren Taschen bis in die siebte Etage zu tragen, ist sonst kaum zu schaffen.“
Nachbarn hilft er eigenen Angaben zufolge, wo er kann – etwa beim Tragen von Möbeln und Kartons nach einem Todesfall im Haus oder bei Einkäufen für Menschen, die die Treppen nicht schaffen.
Weitere Mängel: Feuchtigkeit, Asbest, jahrelanges Gerüst
Der defekte Aufzug ist nicht das einzige Problem, von dem die Mieter berichten. In mehreren Wohnungen gebe es massive Feuchtigkeitsschäden, insbesondere in innenliegenden Bädern ohne Fenster. „Da heißt es dann immer, wir würden falsch lüften“, sagt Müller. „Aber wie soll man ein Bad ohne Fenster lüften?“ Trotz Ventilator und eigener Maßnahmen tropfe weiterhin Wasser von den Decken.
Außerdem gebe es in den Wänden Asbest, berichten Bewohner. Viele seien deshalb bereits ausgezogen. „Die Leute haben die Nase voll“, fasst Müller zusammen. „Hier wird einfach nichts gemacht.“
Vor dem Haus steht seit Jahren ein Baugerüst. „Seit fünf Jahren wollen sie die Fassade neu machen“, sagt Nachbarin Holz. Passiert sei bislang jedoch nichts. „Mittlerweile ist das Gerüst nur noch Deko“, kommentiert sie sarkastisch.
Mieten gekürzt – und doch fühlen sich viele allein gelassen
Viele Bewohner haben nach eigenen Angaben bereits eine Mietminderung durchgesetzt. „Aktuell liegen wir bei 15 Prozent“, sagt Frau Müller. Sollte sich die Situation nicht verbessern, wolle man die Minderung ausweiten – juristisch beraten werde man innerhalb der Familie von einer auf Mietrecht spezialisierten Anwältin.
Für einige sei der Zustand des Hauses mittlerweile ein Grund, über einen Auszug nachzudenken – gerade für diejenigen, die in den oberen Etagen wohnen und besonders auf den Aufzug angewiesen sind.
SBV nimmt Stellung: „Technisch komplexe Ursachenanalyse“
Auf Nachfrage von Förde.news zu dem Zustand des Aufzugs nimmt die zuständige Wohnungsbaugesellschaft SBV schriftlich Stellung. Man verstehe den Ärger der Mieter, heißt es in der Antwort:
„Wir nehmen die geschilderten Beeinträchtigungen sehr ernst und können nachvollziehen, dass wiederholte Ausfälle für die Bewohnerinnen und Bewohner äußerst ärgerlich sind. Uns sind Störungen am Aufzug in dem betreffenden Gebäude bekannt, wir sind seit Längerem im engen Austausch mit der zuständigen Fachfirma und lassen die Anlage fortlaufend prüfen.
Alle erforderlichen Reparaturen wurden und werden durchgeführt, das gilt selbstverständlich auch für die gesetzlich vorgeschriebenen Wartungsarbeiten und gutachterlichen Prüfungen. Um die Ausfallzeiten weiter zu reduzieren, passen wir die laufenden Instandhaltungspläne entsprechend an.
Wir bedauern, dass sich die Situation nicht schneller stabilisieren lässt, bei älteren Anlagen (in diesem Fall von 1975) sind die Ursachenanalyse und die nachhaltige Beseitigung von Fehlern häufig aber technisch komplex. Das gilt auch in diesem Fall.
Unser Anspruch ist, dass der Aufzug so schnell wie möglich wieder zuverlässig funktioniert – und daran arbeiten wir mit Nachdruck.“
Während die SBV damit betont, an einer dauerhaften Lösung zu arbeiten, berichten die Bewohner weiter von regelmäßigen Ausfällen und Unsicherheit im Alltag.
„Eigentlich ein schöner Ort zum Wohnen“
Trotz aller Kritik betonen die Mieter, dass sie die Lage grundsätzlich schätzen. „Eigentlich ist es richtig schön hier zu wohnen“, sagt Florian Müller. Die Gegend sei ruhig, Supermärkte und andere Geschäfte seien fußläufig erreichbar, ebenso ein Park.
Umso größer ist der Frust darüber, dass aus Sicht vieler Bewohner grundlegende Dinge wie ein funktionierender Aufzug, trockene Wände und eine sanierte Fassade seit Jahren auf sich warten lassen.
Das Beste kommt zum Schluss.
Nicht nur das Jahr 2025 neigt sich dem Ende, sondern auch das Nicht-Ankommen mit dem Fahrstuhl. So berichtet Müller, dass der Fahrstuhl mittlerweile von der Wartungsfirma vollständig außer Betrieb gesetzt wurde. Ein Schild informiert: „Aufgrund von Wartungs- und Reparaturarbeiten ist der Aufzug derzeit außer Betrieb!“ Wann genau der Fahrstuhl wieder zu den jeweiligen Etagen fährt, ist ungewiss.
