Hier kannst du die Förde.news App herunterladen:
Download im App Store   Jetzt bei Google Play

Landgerichtspräsident Bauer: Künstliche Intelligenz könnte Gerichte entlasten – doch der Datenschutz bremst

 |  von Thomsen / Foerde.news

Vor allem in großen Zivilverfahren könnte KI nach Bauers Einschätzung viel Zeit sparen - Archivfoto: Thomsen

Flensburg – Künstliche Intelligenz könnte die Arbeit der Gerichte deutlich erleichtern und Verfahren beschleunigen. Der Präsident des Landgerichts Flensburg, Dr. Ralf Bauer, sieht dafür großes Potenzial – gerade bei umfangreichen Akten und komplizierten Verfahren. Doch beim Einsatz in der Justiz zieht er eine klare Grenze: Solange sensible Daten nicht in einem vollständig abgeschotteten System bleiben, ist KI für ihn keine Option.

- Anzeige -

Große Hilfe bei langen Akten


Landesgerichtspräsident Dr. Ralf Bauer würde KI im Gericht begrüßen, hegt jedoch zweifel an einen schnell Einzug - Foto: Thomsen

Vor allem in großen Zivilverfahren könnte KI nach Bauers Einschätzung viel Zeit sparen. Als Beispiel nennt er Bauprozesse mit gewaltigen Aktenbergen. „Das sind ja in Bauprozessen teilweise Tausende von Seiten“, sagt Bauer. Eine KI könne solche Unterlagen strukturieren und zusammenfassen – und damit richterliche Arbeit erheblich erleichtern.

- Anzeige -
Anzeige

Auch in Zivilsachen insgesamt sieht er Vorteile. Dort schicken sich die Parteien wechselseitig Schriftsätze, schildern ihre Sicht des Falls und benennen Beweise. Das Gericht muss daraus herausfiltern, was unstreitig ist, was streitig bleibt und worauf es für die Entscheidung tatsächlich ankommt. Genau an dieser Stelle könne KI helfen, Material schneller auszuwerten.

- Anzeige -

Datenschutz geht vor

Trotzdem bleibt Bauer beim praktischen Einsatz zurückhaltend. Der Grund ist für ihn eindeutig: der Schutz vertraulicher Daten. In Schriftsätzen stünden Namen, Adressen und oft sehr persönliche Details. „Und das können wir nicht machen, leider“, sagt er mit Blick auf offene Sprachmodelle.

Nach Bauers Vorstellung müsste ein solches System in Deutschland und in einem abgeschotteten Bereich betrieben werden, ohne dass Daten nach außen gelangen oder zum weiteren Training genutzt werden. Solange das nicht gewährleistet sei, bleibe der Einsatz „äußerst kritisch“.

Vertrauen ist das wichtigste Gut

Für den Landgerichtspräsidenten ist das mehr als eine technische Frage. Der Schutz persönlicher Informationen sei ein Kernversprechen der Justiz. „Bei uns ist halt Datenschutz das Pfund“, sagt Bauer. Das Vertrauen der Menschen beruhe darauf, dass ihre Daten und ihre Verfahren vertraulich behandelt werden.

Gerade deshalb könne die Justiz nicht einfach auf marktübliche KI-Angebote zurückgreifen. Die Gefahr, dass sensible Inhalte in falsche Hände geraten oder in externen Datenbanken landen, sei aus seiner Sicht nicht hinnehmbar.

Enormes Potenzial in Strafverfahren

Dabei sieht Bauer auch jenseits von Zivilprozessen enorme Chancen. In Strafverfahren könnten KI-Systeme helfen, riesige Mengen an Chatverläufen, Nachrichten oder anderen digitalen Belegen schneller zu durchsuchen. „Das wär genial“, sagt er. Ermittler und Richter könnten gezielt nach Begriffen, Themen oder bestimmten Kommunikationsmustern suchen und dadurch viel Zeit sparen.

Für Bauer steht fest: Der Produktivitätsschub wäre enorm. Doch solange die technische Infrastruktur dafür fehlt, bleibt es bei der Idee.

Föderalismus als Bremse

Dass sich daran so wenig ändert, hat für Bauer auch politische Gründe. Ein einzelnes Bundesland könne eine solche Lösung nicht allein aufbauen. Nötig wäre aus seiner Sicht ein gemeinsames, gesichertes System der Justiz. Doch genau daran hapere es. „Dieses föderale System ist unglaublich zäh“, sagt er.

Die Gerichte arbeiten längst weitgehend elektronisch, Akten werden digital geführt. Umso unverständlicher ist für Bauer, dass der nächste Schritt bislang ausbleibt. „Das ist geradezu absurd, dass wir da nicht besser aufgestellt sein können, noch nicht.“

KI ja – aber nur unter strengen Bedingungen

Ganz grundsätzlich ist Bauer also kein Gegner von KI. Im Gegenteil: Er sieht darin ein Werkzeug, das Gerichte deutlich entlasten könnte. Aber für ihn ist ebenso klar, dass Effizienzgewinne nicht auf Kosten von Vertraulichkeit und Rechtssicherheit gehen dürfen.

Sein Fazit ist deshalb eindeutig: Die Möglichkeiten sind da, der Bedarf auch – doch ohne sichere, gemeinsame Infrastruktur bleibt der KI-Einsatz in der Justiz vorerst Zukunftsmusik.