Stadt Flensburg eröffnet Trinkraum in ehemaliger Kneipe „Alte Apotheke“
| von Thomsen / Foerde.news
Die Stadt Flensburg richtet in der unteren Friesischen Straße 31 einen betreuten Trinkraum für Menschen ein, die sich bisher vor allem rund um den Südermarkt aufhalten. In den Räumen der ehemaligen Kneipe „Alte Apotheke“, die seit geraumer Zeit leer stand und von der Stadt angemietet wurde, soll bereits Mitte Dezember der Betrieb starten. Das Projekt ist zunächst auf zwei Jahre angelegt. Die jährlichen Kosten belaufen sich nach Angaben der Verwaltung auf rund 108.000 Euro, inklusive Personal- und Betriebskosten.
Der neue Aufenthaltsraum liegt nur etwa 300 Meter – rund fünf Minuten Fußweg – von der Südermarkt-Plattform entfernt. Ziel ist es, die dortige Situation zu entzerren und zugleich ein niedrigschwelliges Angebot für Menschen zu schaffen, die im öffentlichen Raum trinken oder sich dort einfach aufhalten.
„Erste feste Anlaufstelle“ – Projektmanager Gerund betont Gesamtstrategie
Micha Gerundt, Projektmanager Südermarkt der Stadt Flensburg, ordnet den Trinkraum als Baustein einer größeren Strategie zur Aufwertung der Innenstadt ein. Man setze bewusst auf ein Bündel von Maßnahmen: ordnungspolitische Instrumente wie den Kommunalen Ordnungsdienst, langjährig etablierte präventive Angebote sowie „positive Impulse“ durch Veranstaltungen.
„Wir wurden immer wieder gefragt, was wir konkret tun, um einen Aufenthalts- und Begegnungsort zu schaffen“, sagt Gerundt. Mit dem Trinkraum habe man nun die erste feste Anlaufstelle eingerichtet, speziell für Menschen, denen andere Beratungs- und Hilfsangebote zu hohe Hürden setzen. Entscheidend sei, so Gerundt, dass sich die Besucher dort willkommen fühlen, ernst genommen werden und eine Alternative zum reinen Aufenthalt im öffentlichen Raum bekommen.
Heterogene Zielgruppe – mehr als „die Szene“
Gerald Fust, Leiter der Wohnhilfen und Schuldnerberatung der Stadt, betont, dass es sich bei den Menschen am Südermarkt nicht um eine einheitliche „Szene“ handele. Viele hätten eine eigene Wohnung, nutzten den Platz aber als Treffpunkt. Andere seien obdachlos oder in Notunterkünften untergebracht.
Mit dem neuen Trinkraum solle all jenen ein Angebot gemacht werden, die sich einen alternativen Aufenthaltsort wünschen: „Viele wollen gar nicht den ganzen Tag auf dem Südermarkt stehen oder über einen Kamm geschoren werden mit denen, die sich nicht an Regeln halten“, so Fust. Der Raum solle auch dazu beitragen, Konflikte im öffentlichen Raum zu reduzieren.
Regeln: Alkohol nur bis 15 Prozent – keine Drogen, keine Gewalt
Im Trinkraum dürfen Besucherinnen und Besucher eigene Getränke und Speisen mitbringen, darunter auch alkoholische Getränke – allerdings nur bis zu einem Alkoholgehalt von 15 Prozent. Hochprozentige Spirituosen sind ausdrücklich ausgeschlossen. Ausgeschenkt wird vor Ort nichts; es handelt sich nicht um eine Gaststätte, sondern um einen Aufenthaltsraum.
Trotz aller Niedrigschwelligkeit gilt ein klares Regelwerk. Gewalt, Waffen und der Konsum illegaler Drogen sind untersagt. Bei Verstößen drohen Hausverbote, im Einzelfall kann auch die Polizei hinzugezogen werden. „Niedrigschwellig heißt nicht regellos“, stellt Fust klar. Nur mit einfachen, aber verbindlichen Regeln könne ein sicherer Rahmen für alle Beteiligten entstehen.
Im vorderen Bereich der ehemaligen Kneipe ist ein Nichtraucherraum vorgesehen, in dem auch die städtischen Mitarbeitenden anwesend sind. Geraucht werden darf nur in einem hinteren Raum, in dem keine Beschäftigten der Stadt eingesetzt werden.
Cannabis-Frage noch ungeklärt
Offen ist noch der Umgang mit Cannabis in den Räumen. Stadtsprecher Clemens Teschendorf erklärt, der Konsum sei zwar seit der Teillegalisierung grundsätzlich erlaubt, führe in geschlossenen Räumen wie einer Kneipe aber schnell dazu, dass andere sich belästigt fühlen. Die Stadt prüft daher, wie der Konsum von Cannabis im Trinkraum geregelt werden soll, um sowohl der Rechtslage als auch dem Schutz anderer Gäste gerecht zu werden.
Öffnungszeiten und Personal
Geplant ist, den Trinkraum zunächst täglich von 10 bis 17 Uhr zu öffnen. Ob und in welchem Umfang an Wochenenden und Feiertagen geöffnet wird, soll nach den ersten Erfahrungen mit Blick auf Personalressourcen und tatsächlichen Bedarf entschieden werden.
Der Raum wird nur geöffnet, wenn mindestens zwei Beschäftigte der Stadt gleichzeitig vor Ort sind. Insgesamt wurden drei neue Mitarbeitende eingestellt, die stundenweise für den Trinkraum tätig sind. Bewusst hat die Stadt keine klassischen Sozialpädagoginnen oder -pädagogen gesucht, sondern „sozial engagierte Personen“ mit langjähriger Erfahrung im Umgang mit der Straßen- und Wohnungslosenszene.
Die Mitarbeitenden sollen zum einen für Sicherheit sorgen und die Einhaltung der Regeln gewährleisten, zum anderen aber vor allem auf Augenhöhe mit den Besucherinnen und Besuchern arbeiten. Sie sollen zuhören, Vertrauen aufbauen und bei Bedarf den Kontakt zu Beratungsangeboten vermitteln.
Vorbild Kiel: Entzerrung statt Wundermittel
Als fachlicher Berater war zur Vorstellung des Projekts Jo Teinen eingeladen, der in Kiel an der Einrichtung zweier Trinkräume beteiligt war. Dort gibt es seit Anfang der 2000er-Jahre entsprechende Angebote. Nach seinen Erfahrungen habe sich das Konzept bewährt: Die Zahl der Polizeieinsätze sei nicht höher als in einer gewöhnlichen Eckkneipe, schwere Gewalttaten seien selten.
Die Trinkräume hätten zwar nicht alle Probleme im öffentlichen Raum gelöst, aber doch zu einer spürbaren Entlastung bestimmter Plätze geführt. Beschwerden von Anwohnern und Gewerbetreibenden seien deutlich zurückgegangen. Teinen betont, entscheidend sei, die Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind, und ihnen einen Ort zu geben, an dem sie in Ruhe sein können.
Kosten, Nachbarschaft und Evaluation
Die Immobilie in der Friesischen Straße ist zunächst für zwei Jahre angemietet. Einschließlich Miete, Nebenkosten, Reinigung und Personal summieren sich die jährlichen Ausgaben auf etwa 108.000 Euro. Finanziert wird das Projekt aus städtischen Mitteln im Rahmen der Gesamtstrategie zur Neugestaltung und Beruhigung der Innenstadt rund um den Südermarkt.
Die Nachbarschaft im Haus wurde nach Angaben der Stadt frühzeitig informiert; viele hätten bereits zu Zeiten der früheren Kneipennutzung dort gewohnt. Die Verwaltung rechnet daher nicht mit stärkeren Belastungen als zu Zeiten des regulären Gaststättenbetriebs.
Die Stadt will das Angebot eng begleiten und auswerten. Erfasst werden sollen unter anderem Besucherzahlen, Vorfälle und der Bedarf an Beratung. Nach einer Anlaufphase sollen Politik und Öffentlichkeit über die Erfahrungen informiert werden.
Für Projektmanager Micha Gerundt ist klar: Der Trinkraum ist kein Allheilmittel, aber ein wichtiger Baustein. „Wenn wir nichts machen, nehmen die Probleme rund um den Südermarkt weiter zu. Mit diesem Raum schaffen wir zumindest für einen Teil der Menschen eine echte Alternative zur Straße.“
